Wie sollen unsere Kinder sterben?

Ja, ich weiß. Der Titel ist provokant. Aber die Frage ist ernst gemeint.

Fangen wir bei meiner Großmutter an

In letzter Zeit muss ich oft an meine Großmutter väterlicherseits denken, obwohl ich sie nie wirklich kennengelernt habe, da sie starb, als ich noch ein Kleinkind war. Meine Großmutter hatte vier Kinder und hat diese, wie ich aus vielen Erzählungen vernommen habe, mit Liebe überschüttet. Angeblich stillte meine Großmutter ihre Kinder noch „als sie schon laufen konnten“ und ließ ihnen auch sonst viele Freiheiten. Während des Krieges musste sie um ihre Söhne bangen, die sich mit jedem Jahr dem soldatentauglichen Alter näherten. Am Ende des Krieges ging sie den Amerikanern mit einer weißen Flagge entgegen, während zuhause die Kinder warteten, zwei davon Jungen im Teenager-Alter. Welche Ängste sie in dieser Zeit ausgestanden haben muss, kann man sich nur schwer vorstellen.

Meine Mutter urteilte über meinen Vater und seine Geschwister: „Ihr verwöhnten Blagen!“ Alles in allem erwecken die Erzählungen von früher jedoch den Eindruck, als sei meine Großmutter eine aus heutiger Sicht ziemlich moderne Mutter gewesen, die ihren Kindern viel Liebe gab – anders als es die damalige Pädagogik vorsah! Mein Vater hat im Krieg schlimme Dinge gesehen, aber anscheinend kaum seelischen Schaden genommen, was ich auch auf sein liebevolles Elternhaus zurückführe. Heutzutage würde man wahrscheinlich von Resilienz sprechen.

Jetzt ist mein Vater alt und gebrechlich. Ich frage mich oft: Was hätte sich meine Großmutter für ihn gewünscht? Was würden wir uns alle für unsere Kinder wünschen, wenn sie alt und gebrechlich werden? Wir haben sie ins Leben begleitet, werden aber irgendwann nicht mehr für sie da sein können. Wir wünschen uns, dass es jemanden gibt, der sich liebevoll um sie kümmert, wenn es ihnen schlecht geht und auch, wenn es dem Lebensende zugeht. Der Gedanke, dass meine Kinder – auch wenn sie dann längst erwachsen sind – alleine und verlassen sterben könnten, macht mich krank.

Pflege? Bisher gut verdrängt

Fakt ist, dass mehr als 75% aller Deutschen irgendwann im Krankenhaus oder Pflegeheim sterben werden. Wir können es uns im eigenen Interesse und im Interesse unserer Eltern und Kinder nicht mehr leisten, das Thema Pflege zu ignorieren!

Ich wusste bislang nicht viel über Pflegeberufe. Längere Krankenhaus- und Pflegeheimaufenthalte blieben mir uns meiner Familie bislang erspart. Mir ist aber klar, wieviel Arbeit ein alter Mensch bedeutet, wenn man sich um ihn kümmern muss. Hierzu habe ich schon einmal gebloggt. Erst durch meine alt gewordenen Eltern sehe ich mich dazu gezwungen, mich mit Pflege auseinanderzusetzen. Aus Erzählungen einer Freundin, welche als Krankenpflegerin arbeitet und vor allem über den Hashtag #twitternwierueddel habe ich viel erfahren, was mir nie bewusst war. Diese Erfahrungsbericht lösen bei mir Reaktionen aus, die von Kopfschütteln bis zu blankem Entsetzen reichen.

Pflegende, ob als Angehörige oder als professionelle Kräfte, sind unmenschlichen Bedigungen ausgesetzt. Die Arbeitszeiten gehen weit über gesetzliche Beschränkungen hinaus, die Bezahlung ist schlecht. Dokumentationen werden anscheinend gefälscht, um Kontrollen zu bestehen und Statistiken zu schönen. Menschen kommen tagtäglich zu körperlichem oder seelischem Schaden, sowohl auf Seite der Patienten als auch der Pflegenden!

Carearbeit? Immer noch kostenlose Ressource

Die Pflege ist ein Teil der Carearbeit und wie sämtliche Formen der Carearbeit nicht als vollwertige Arbeit, welche angemessen entlohnt werden muss, angesehen. Pflegende haben sich mit dem Gotteslohn zufrieden zu geben oder werden mit ihrem schlechten Gewissen erpresst (wer, wenn nicht wir Mütter, könnte das besser nachvollziehen?!). Aber es regt sich Widerstand. Der Pflexit ist in aller Munde, der Pflegenotstand kann nicht mehr länger ignoriert werden. Uns gehen die Pflegenden aus, weil wir sie nicht angemessen behandeln und entlohnen.

Wege aus dem Pflegenotstand? Versuche mit ungelernten Kräften, Robotern und ausländischen Betreuungspersonen

Examinierte Pflegekräfte sind zu Recht entsetzt, wenn auf einmal ungelernte Hilfskräfte für die Pflege als ausreichend erscheinen. Wir sollten auch entsetzt sein, denn die medizinische und seelische Betreuung von Sterbenden ist komplex und erfordert zumindest eine mehrjährige Ausbildung. Diese Abwertung des Pflegeberufs ist für uns alle gefährlich.

Mit leichtem Unbehagen lese ich Artikel über erste Versuche mit Robotern in der Altenpflege. Man soll mich nicht falsch verstehen: Wenn Roboter bei körperlich schweren Pflegearbeiten unterstützen oder als Notrufsysteme für zuhause lebende Senioren eingesetzt werde, finde ich das sinnvoll. Aber auch alte Menschen brauchen Zuwendung und Nähe eines echten Menschen.

Zuwendung und Nähe funktioniert zu einem nicht unerheblichen Teil über Sprache. Wie soll ein Kontakt zwischen Pfleger und zu pflegender Person aufgebaut werden, wenn der Pfleger als kostengünstige Kraft aus Osteuropa importiert wurde und gar nicht die gleiche Sprache spricht? Das ist doch schon lange Realität bei den 24h-Betreuungsdiensten. Eine deutschsprachige Osteuropäerin kostet wesentlich mehr als eine mit nur rudimentären Sprachkenntnissen und ist für viele Familien unerschwinglich. Dass die Polinnen und Rumäninnen ihre Familien in der Heimat für Wochen und Monate zurücklassen müssen, wird zudem gerne ausgeblendet. Mal davon abgesehen, dass Politiker nun nach Immigranten für die Pflege rufen, damit endlich wieder Leute mit zunächst und scheinbar geringeren Ansprüchen an die Arbeitsbedingungen zur Verfügung stehen. Wieder ein Beweis für die Geringschätzung von Carearbeit.

Bei sämtlichen halbherzigen Versuchen der Politik oder Wirtschaft, ausgebildete Kräfte im Bereich Carearbeit durch Maschinen oder ungelernte Kräfte zu ersetzen sollten wir misstrauisch werden und uns fragen: Würden wir unsere Kinder einem derartigen Ersatz anvertrauen? Würden wir unser Kind einem Erzieher-Roboter anvertrauen? Oder wie wäre es mit einem Hebammenroboter, der uns zum Pressen auffordert? Wie wäre es mit ungelernten Kräften mit mangelnden Deutschkenntnissen in der Kinderbetreuung? Nein? Aber für Opa soll’s wohl reichen. Viel Widerstand ist von ihm ja nicht mehr zu erwarten.

Ich habe Angst

Ich habe Angst davor, meine Eltern irgendwann in ein Pflegeheim geben zu müssen, wenn eine häusliche Pflege nicht mehr möglich ist. Was ist, wenn sie von den gestressten Pflegern unbemerkt und alleingelassen sterben müssen?

Ich habe Angst davor, selbst irgendwann in einem Pflegeheim zu enden und dass mir dann niemand mehr die Hand halten kann, wenn ich sterbe.

Am meisten habe ich Angst davor, dass meine Kinder einmal so enden werden.

Wie lange will die Politik das Thema noch schleifen lassen? Die Missstände sind seit vielen Jahren bekannt! Und wie lange noch, bis die Menschen in Deutschland aufwachen und die sogenannten Volksvertreter fragen: Wie sollen unsere Kinder sterben?

5 Kommentare zu „Wie sollen unsere Kinder sterben?

  1. Wie wahr! Ein Thema, das wir alle viel zu häufig verdrängen, solange es unseren Eltern noch halbwegs gut geht. Aber was wird kommen? Auch für uns? Oder für unsere Kinder, wenn wir denn welche haben?
    Unter anderem hier wird sich in Zukunft Arm von Reich trennen. Du greifst in deinem Job ein sehr wichtiges Thema an!

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  2. Ich persönlich bin ehemalige examinierte Altenpflegerin (bin es immer noch, arbeite aber nicht mehr in dem Beruf) und ich habe auf Twitter den Hashtag #twitterwierueddel auch aufmerksam verfolgt und auch selbst mitgemacht.
    Fakt ist, es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.
    Als ich mit der Ausbildung fertig war, hat mich meine Heimleiterin gerügt, dass ich eine vier im Zeugnis hatte (war ziemlich faul in der Berufsschule) und sie mich mit so einem Zeugnis nicht übernehmen könne… Das war vor gut 10 Jahren.
    In diesen 10 Jahren ist jetzt also dieser Abfall von Personal so massiv geworden, dass es diese verheerenden Zustände gibt.
    Die Kinder werden mit einem Jahr in die Krippen geschickt, die Alten ins Altenheim gegeben und die dazwischen buckeln sich einen ab um beide unterhalten und verhalten zu können.
    Die ganze Gesellschaftsstruktur ist am Ende.
    Meine Lösung wäre, wieder vermehrt hin zu generationsübergreifenden groß familiären Strukturen, dann wären die meisten Probleme gelöst. Die Alten können sich um die Kleinen kümmern und die zwischen drin müssten nicht so viel arbeiten, da die Kosten für beides weg fällt und könnten ihr Leben auch mehr genießen…
    Tja, theoretisch so schön einfach…

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    1. Danke für deinen Kommentar, Anna! Du hast Recht, viele Menschen mit kleinen Kindern und zu pflegenden Eltern sind einem zu hohen Druck ausgesetzt und haben oft gar nicht mehr die Möglichkeit, einen ausreichend bezahlten Job auszuüben! Ob man die Zeit zurückdrehen und zur Großfamilienstruktur zurückkehren kann, ich glaube es eher nicht. Da würde wohl eher ein bedingsloses Grundeinkommen helfen… davon sind aber leider auch weit entfernt.. Liebe Grüße!

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