Alte Eltern – wenn Geschwister sich zusammenraufen müssen

„Wir müssen uns treffen und über Mama und Papa reden!“ So oder so ähnlich drückte sich mein Bruder vor ca. 2 Jahren aus. Zu dieser Zeit bemerkten wir die stark nachlassenden geistigen Fähigkeiten unseres Vaters, wodurch auch die Alzheimererkrankung meiner Mutter erst sichtbar wurde. Wir trafen uns an einem Samstagnachmittag bei meinem Bruder zu Hause.

Meine Geschwister und ich

Meine Geschwister wurden kurz nach der Heirat meiner Eltern geboren und waren sozusagen die geplanten Kinder meiner Eltern. Das Thema Kinderkriegen hatten meine Eltern lange hinter sich gelassen und meine Geschwister waren schon im Teenageralter, als ich mich überraschend ankündigte. Meine Eltern waren erst geschockt, dann erfreut. Meine Geschwister waren mäßig begeistert und bis ich erwachsen war, hielt sich durch den enormen Altersabstand immer eine gewisse Distanz zwischen uns.

Im Erwachsenenalter näherten sich unsere Welten etwas an, da wir durch Kinder und Beruf ähnliche Lebensumstände hatten. Dennoch trafen wir uns nur sporadisch, was auch daran lag, dass ich nun 200 km von meinem ursprünglichen Heimatort entfernt wohnte. Wir haben unterschiedliche Temperamente, aber den gleichen Humor und uns daher auch meistens gut verstanden. Unsere Beziehung untereinander wurde aber auch nie richtig auf die Probe gestellt.

Das war nun anders.

Die erste Lagebesprechung

Wir trafen uns also und erzählten erst einmal von all unseren Erlebnissen mit unseren Eltern, die uns zunehmend sorgenvoll zurückließen. „Papa hat mich gestern dreimal hintereinander gefragt, welchen Tag wir haben.“ „Mama hat schon wieder ihr Portemonnaie verloren“, „hast du den Ausschlag an Mamas Arm gesehen? Warum ist sie noch nicht beim Arzt gewesen?“. Es gab zahlreiche Anekdoten zu erzählen, aber irgendwie scheuten wir uns, konkrete Konsequenzen zu ziehen.

Durch Zufall hatte ich kurz zuvor mit einem mir bekannten Rechtsanwalt über das Thema Vorsorgevollmacht gesprochen und erzählte meinen Geschwistern davon. Die Vorsorgevollmacht wurde unser erstes gemeinsames Projekt (damit waren wir eigentlich viel zu spät dran!) und wir waren erleichtert, den ersten Schritt getan zu haben. Ich rief den besagten Anwalt an, der so nett war, mir kostenfrei eine Vorsorgevollmacht zu entwerfen und mich zu den einzelnen Punkten zu beraten. Den Entwurf besprachen wir Geschwister bei einem weiteren Wochenend-Kaffeetrinken und einigten uns in den einzelnen Punkten. An einem weiteren Wochenende setzten wir uns mit den Eltern zusammen und konnten sie glücklicherweise leicht vom Nutzen der Vollmacht überzeugen. Das wäre zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen! Sie unterschrieben und wir hatten eine Sorge weniger. Die Vorsorgevollmacht hat uns schon in einigen Situationen geholfen. Dazu in einem weiteren Artikel mehr…

Herausforderungen ohne Ende

Nach und nach mussten wir unsere Komfortzone verlassen, da die Eltern durch Alzheimer und vaskuläre Demenz zunehmend unselbstständiger wurden. Irgendwann wurde eine „Besuchsdienst“ zwischen meinen Geschwistern, welche in der Nähe wohnen, aufgeteilt. Ich versprach, einmal im Monat anzureisen, um mit einem Großeinkauf Kühltruhe und Vorratsschrank meiner Eltern aufzufüllen – zu diesem Zeitpunkt kochte meine Mutter noch selbst – und nachmittags regelmäßig anzurufen, um nach dem Rechten zu hören. Zudem wurden die finanziellen Aufgaben von einem von uns übernommen, da mein Vater dies nicht mehr allein bewerkstelligen konnte.

Bei den monatlichen Treffem kamen JEDES MAL neue Probleme zur Sprache. Wir diskutierten neue Auffälligkeiten im Verhalten und der körperlichen Fitness unserer Eltern. Arztbesuche (Hausarzt, Zahnarzt, Gerontopsychiatrie) sowie Besuche beim Friseur und bei der Fußpflege mussten geregelt werden. Wie bewegen wir die Eltern zu Spaziergängen und zum Duschen? Soll Papa in die Tagesklinik? Wie stellen wir sicher, dass die Medikamente regelmäßg genommen werden? Wir waren nicht immer gleicher Meinung, aber bislang konnten wir uns jedes Mal einigen und die Angelegenheiten einigermaßen zufriedenstellend regeln.

Ohne WhatsApp ginge es nicht

Wir haben ziemlich bald eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Manchmal geben wir nur einen Status aus Besuchen oder Telefonaten wieder, manchmal liest man auch Aufforderungen wie „denk heute Abend an die Biotonne!“ oder „Wer ruft bei Dr. XY an?“ „Hab dir die Lohnsteuermeldung von Frau M. geschickt, bitte überweisen“. Vor kurzem kam noch eine weitere WhatsApp-Gruppe hinzu, zu welcher wir die Betreuerin unserer Eltern, Frau M., hinzufügten. Die beiden Gruppen rangieren regelmäßig ganz oben in meinen Chats. Was hätten wir ohne WhatsApp gemacht? Keine Ahnung.

Das hat sich für uns geändert

Die Eltern-Kind-Rollen haben sich umgekehrt. Das ist ja schon eine Floskel, aber entspricht einfach der Wahrheit. (Mein ältestes Kind sagte mir mal, dass ich mit Oma spreche als wäre ich ihre Mama.)

Zunächst mussten wir nur in einzelnen Situationen aktiv werden, mittlerweise regeln wir das Leben unserer Eltern praktisch komplett. Meine Geschwister, insbesondere mein Bruder, welcher den besten Draht zu unserem Vater hat, müssen aufgrund der örtlichen Nähe den Hauptteil der Last tragen. Meine Aufgaben sind, neben den regelmäßigen Fahrten zum Heimatort, welche zunehmend belastender werden, nachmittäglicheTelefonate mit meiner Mutter und die Organisation der Betreuung durch Dritte.

Manchmal liegen die Nerven blank. Unsere Belastungsgrenzen sind erreicht und es wird nicht leichter. Auch wenn ich nicht vor Ort bin, würde mir die normale Doppelbelastung durch Job und Kinder völlig ausreichen. Es erfordert viel Disziplin, über den Verfall der Eltern sachlich zu sprechen und Probleme pragmatisch anzugehen, wenn einem eigentlich zum Heulen zumute ist oder man einfach mal einen freien Tag ohne neue Probleme im Hinterkopf herbeisehnt.

Das Kümmern an sich hat aber noch keiner von uns in Frage gestellt. Insgesamt bin ich sehr stolz auf meine Geschwister und mich, dass wir es bis dato so gut hinbekommen haben und unendlich froh, mit dieser Aufgabe nicht alleine dazustehen. Die Distanz von früher ist kleiner geworden. Zumindest das ist ein positiver Effekt dieser schwierigen Situation.

Meine Tipps für Geschwister

Das würde ich aus meinen Erfahrungen heraus anderen Geschwistern empfehlen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Setzt euch früher zusammen als wir und besprecht die Möglichkeit einer Vorsorgevollmacht, wenn bei euren Eltern noch alles in Ordnung ist. Lasst euch beraten, werdet euch über Details einig und erstellt einen Entwurf. Dann geht gemeinsam mit eurem Entwurf zu euren Eltern und erläutert ihnen die Vorteile einer Vorsorgevollmacht. (Ggf. schickt ihr den Bruder/die Schwester, welche/r am besten mit den Eltern klarkommt mit eurem Anliegen vor. Wichtig ist, dass er/sie euren gemeinsamen Beschluss vorträgt). Bedrängt eure Eltern nicht und lasst ihnen Zeit, darüber nachzudenken. Das Thema sollte jedoch immer wieder angebracht werden.
  • Versucht nicht, euch erste Aussetzer bei den Eltern schönzureden, wenn ihr sie bemerkt, sondern informiert eure Geschwister. Plant gemeinsam erste Unterstützungsmaßnahmen, Untersuchungen beim Arzt etc. Unterbreitet die Vorschläge dann gemeinsam (oder durch einen Vertreter) euren Eltern.
  • Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an welchem ihr Entscheidungen über Maßnahmen treffen müsst, ohne dass ihr eure Eltern um ihre Meinung fragen könnt bzw. solltet. Diese Entscheidungen sollten gemeinsam oder per Mehrheitsbeschluss (kann in der Vorsorgevollmacht geregelt werden) gefällt werden. Dann zieht die Maßnahmen durch und bestärkt euch gegenseitig, wenn es schwierig wird.
  • Bleibt ehrlich und meldet Zeichen von Überlastung sofort an. Dann ist es Zeit, sich mal wieder zusammenzusetzen und darüber nachzudenken, ob die organisierten Hilfen ggf. erweitert werden müssen.

Über weitere Tipps und auch Erfahrungsberichte freue ich mich immer!

 

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