Meine ersten Erfahrungen mit Alzheimer

Meine Mutter war schon seit Längerem vergesslich. Am Telefon fiel mir auf, dass sie die gleiche Geschichte mehrfach hintereinander erzählte. Außerdem fing sie an, Dinge durcheinander zu bringen, wie z.B. Namen und Ereignisse im Leben ihrer Enkel. Musste ich meiner Mutter Sachen wiederholt erzählen, weil sie sie einfach wieder vergaß, wurde ich ungeduldig und ließ sie dies auch spüren. Meine Mutter war schon immer sehr sensibel und nahm sich meine Ungeduld sehr zu Herzen, was mir dann wiederum leid tat.

Irgendwann entdeckte ich im Schlafzimmer meiner Eltern ein Notizbuch meiner Mutter, in welchem sie Erlebnisse, Geburtstage, Anrufe und Besuche ihrer Kinder und Enkel notiert hatte. Mir lief es in diesem Moment eiskalt den Rücken herunter. Meine Mutter war sich ihrer Vergesslichkeit sehr wohl bewusst und versuchte, dagegen anzukämpfen!

Das ist doch ganz normal in dem Alter – oder doch nicht?

Dann fing meine Mutter an, Dinge zu verlegen. In meinem Elternhaus aus den 60ern, in welchen einst fünf Personen Platz fanden und gefühlte 100 Schränke und Kommoden zu finden sind, begann das große Suchen. Meine Geschwister und ich beruhigten uns erst einmal mit der selbst gestellten Diagnose „alterstypische Schusseligkeit“ gepaart mit Flüssigkeitsmangel aufgrund des im Alter schwindenen Durstgefühls. Irgendwann fiel uns jedoch auf, dass es unserer Mutter körperlich und psychisch immer schlechter ging und mussten sodann feststellen, dass sämtliche ihrer anderen Medikamente aufgebraucht waren und sie schlichtweg wochenlang keine mehr genommen hatte, ohne uns davon zu berichten. Sie behauptete vielmehr: „Ach, das brauche ich doch alles gar nicht mehr!“

Es war kein Zufall, dass wir zu diesem Zeitpunkt auf die nachlassenden geistigen Fähigkeiten meiner Mutter aufmerksam wurden. Denn zur gleichen Zeit erlitt mein Vater, was erst im Nachhinein festgestellt wurde, einen leichten Schlaganfall, welcher sein Kurzzeitgedächnis in Mitleidenschaft zog. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er alles regeln und unsere Mutter unterstützen können. Als diese Kompensationsmöglichkeit wegfiel wurde die Krankheit meiner Mutter sichtbar.

Mein Bruder brachte meine Mutter zum Hausarzt, um die Versorgung mit ihren alten Medikamenten wieder herzustellen. Dort sprach er auch das Thema Vergesslichkeit an, worauf ein Gedächnistest durchgeführt und eine Überweisung zum Neurologen ausgestellt wurde. Der Gedächnistest fiel erwartungsgemäß schlecht aus. Beim Neurologen wurde ein MRT-Scan durchgeführt. Nachdem das Ergebnis des Scans da war, rief mich nachmittags mein Bruder an und teilte mir mit, dass der Neurologe von „altersuntypischen Veränderungen im Gehirn“ gesprochen und zudem das Medikament Donezepil verschrieben hätte, was sich als Alzheimer-Medikament herausgestellt habe. Der Neurologe hätte jedoch das Wort Alzheimer nicht in den Mund genommen, weswegen ich ihn noch einmal anrief. Er bestätigte die Diagnose Alzheimer im Frühstadium.

Angst vor der Zukunft vs. Leben im Jetzt

Die nächsten Tage und ersten Wochen verlebte ich wie im Traum. Ich weinte viel, konnte es einfach nicht fassen. Ich las viel im Internet und kam zu dem Ergebnis, dass meine Mutter als Persönlichkeit nun nach und nach verschwinden wird. Dass sie uns irgendwann nicht mehr erkennen wird und vielleicht im Nachthemd aus dem Haus läuft. Eine Kollegin berichtete mir zudem von ihren schlimmen Erfahrungen mit ihrer dementen Mutter. Es war einfach zu viel an ungefilterten Informationen. Ich hatte Angst vor den kommenden Aufgaben und war voller Mitleid mit meiner Mutter. Wie kann man es ertragen, wenn ein geliebter Mensch, seine Persönlichkeit und alle seine Erinnerungen ausgelöscht werden?

Nach und nach gelang es mir, die gesammelten Informationen in meinem Kopf zu sortieren. Insbesondere das wunderbare Buch „Die magische Welt von Alzheimer“ von Huub Buijssen machte mir wieder Mut. Die Krankheit Alzheimer ist unheilbar und irgendwann wird meine Mutter mich nicht mehr erkennen und letztlich an den Begleiterscheinungen der Krankheit sterben, aber jetzt ist sie noch da und uns bleibt noch etwas Zeit. Und ob ich will oder nicht, wir müssen diesen Weg mit ihr gehen.

3 Kommentare zu „Meine ersten Erfahrungen mit Alzheimer

  1. Danke für Deinen tollen Erfahrungsbericht. Ich bin bewegt und tief berührt. War 40 Jahre Krankenpfleger in der Psychiatrie, Gerontopsychiatrie und Demenz-WGs. Ich wünsche Dir viel Kraft und Mut weiterzumachen. LG Albert

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